„Die Wirkungsmacht der Medien“: Ungekürzte Fassung der Rede von Wolf Bauer bei der Konferenz „Denk ich an Deutschland“ am 22. Oktober 2010

„(Un)heimliche Erzieher“

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich weiß – mein Titel trägt einen bedrohlichen Unterton – deshalb möchte ich zunächst mit einer harmlosen Frage beginnen: Kennen Sie den Palmer Effekt? Sie kennen ihn nicht! Das hätte mich auch überrascht. Aber Sie kennen „Twenty Four“ – die erste Echtzeitserie, die weltweit und insbesondere in den USA Millionen Zuschauer vor den TV-Geräten fesselte. Eine der Figuren darin heißt:  David Palmer. In Staffel 1 noch Senator und Präsidentschaftskandidat wurde David Palmer im weiteren Verlauf der Serie der erste schwarze Präsident der USA. Sein Amt übte er so aus, wie man es vom Präsidenten erwartet: umsichtig, tatkräftig, führungsstark.

Haben die Macher von „Twenty Four“ also etwas vorstellbar gemacht, das bisher als ausgeschlossen galt: Ein Afroamerikaner als Präsident der Vereinigten Staaten. Nicht wenige politische Analysten und Kommentatoren in den USA sind davon überzeugt. Zitat: “Nachdem wir seit einigen Jahren in der Serie „Twenty Four“ einem klugen, weisen und gewählten schwarzen Präsidenten in der Gestalt des von Dennis Haysbert gespielten David Palmer zusehen, könnten wir dies nicht auch in der Realität mit einem echten schwarzen Präsidenten aus Fleisch und Blut? Yes we can!“

Was erzählt uns diese Geschichte: Hier hat eine TV - Actionserie möglicherweise eine enorme gesellschaftliche Wirkung entfaltet: sie hat dazu beigetragen, Barack Hussein Obama denkbar zu machen.

Die Massenmedien sind eben nicht nur das Archiv für unsere kollektive Vergangenheit, sie ermöglichen auch einen virtuellen Blick in die Zukunft.

„Twenty Four“ ist nur ein Beispiel für die gesellschaftliche Kraft des Unterhaltungsfernsehens von der ich Ihnen berichten möchte. Denn diese Kraft wirkt auch hier bei uns.

Und sie bekommt eine neue Qualität angesichts der Veränderungen in der Gesellschaft. Wir haben es gehört – die eigentlichen Träger des traditionellen Wertekonsenses in Deutschland haben dramatisch an Einfluss verloren: die bürgerliche Mehrkind-Familie, die Kirchen, die Volksparteien, die Gewerkschaften und die politischen Medien.

Ich will diese Entwicklungen nicht bewerten, weil sie ja auch ein emanzipatorisches Moment beinhalten. Eines aber ist ihnen allen gemein: Die Gesellschaft und die nachwachsende Generation verlieren Vorbilder und beständige Autoritäten zur Orientierung im eigenen Leben und zum richtigen Handeln. Und das gilt vermutlich in einem überdurchschnittlichen Maße gerade für die bildungsfernen Schichten.

Doch insbesondere die jungen Menschen / in Ost und West gleichermaßen  / suchen sich längst einen neuen Kompass. Ohne geht es eben nicht. Das beginnt ganz privat. Was macht ein junges Mädchen, dessen erste große Liebe beginnt, wenn die Mutter als Gesprächspartnerin wegen Doppelt- und Dreifachjobs nicht zur Verfügung steht? Wo orientiert sich ein junger Mann, welcher Ausbildungsberuf in ist oder out, wenn es keinen Vater gibt, der seine Erfahrungen preisgibt, und Gewerkschaften in der Lebenswirklichkeit des Jungen keinen Platz haben? Wer gibt jungen Leuten die Kraft und die Sicherheit, ihre Homosexualität offen zu leben?

Ob bildungsfern oder bildungsnah, eines ist gewiss: Die Jugendlichen in Deutschland orientieren sich grundlegend anders als frühere Generationen es getan haben. Das ist meine Botschaft an Sie. Die Medien – und allen voran die Unterhaltungsmedien – spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. 9 ½ Stunden verbringt der durchschnittliche Jugendliche heute jeden Tag mit der Nutzung von Fernsehen, Radio und Internet, weniger mit dem Buch und der Tageszeitung. Und sie schauen nicht „MONITOR“, „Tagesschau“ und „heute journal“, sondern „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, „Die Simpsons“, „Deutschland sucht den Superstar“ und amerikanische Serien wie „Twenty Four“.  Dies gilt umso mehr für die Jugendlichen in den neuen Bundesländern, die sich  deutlich mehr den unterhaltungsorientierten Privatsendern zuwenden.

Um es zuzuspitzen: Je mehr die klassischen Institutionen unserer Gesellschaft an Prägekraft verlieren, desto mehr gewinnt das Unterhaltungsfernsehen an Einfluss. Das verliebte Mädchen wird vermutlich „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ schauen, um die eigene erste große Liebe zu verstehen, der junge Mann, der seine gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung  zu ahnen beginnt, sieht bei „Alles was zählt“, wie sich andere in seiner Situation durch setzen .

Dennoch fürchte ich, dass vermutlich nur eine Minderheit derer, die derzeit die Bildungs- und Integrationsdebatte führen, den Jugendlichen regelmäßig folgt, wenn diese in das Leben ihrer virtuellen Vorbilder eintauchen. Den Unterhaltungsmedien wird in Deutschland nach wie vor nur eine untergeordnete Rolle in der Wertevermittlung zugeschrieben. Es gibt noch immer das typische Verständnis von E- wie ernst-  und wertvoll und U - wie leicht und belanglos, ähnlich wie in der Musik. Die Informationsmedien sind längst anerkannt als eine ernstzunehmende und legitime Kraft der Aufklärung, die Unterhaltungsformate gelten dagegen als unpolitisch und gesellschaftlich unbedeutend. Entsprechend haben die beiden großen Parteien – bei der Vergabe der Führungspositionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens immer um die Besetzung des Chefredakteurs gerungen. Wer die Macht hatte bestimmte den neuen Kandidaten. Die Programmdirektion blieb sozusagen der Trostpreis. Welch folgenschwere Fehleinschätzung, denke ich.

Meine These lautet: Unterhaltende Programme werden in ihrer gesellschaftlichen und politischen Wirkung hochgradig unterschätzt. Und es geht gar nicht darum, ob wir uns diesen Einfluss wünschen sollten. Er ist längst Realität.

Andere Gesellschaften sind auf diesem Erkenntnisweg bereits weiter fortgeschritten. In Südamerika spielen die Telenovelas seit Jahrzehnten eine große gesellschaftliche Rolle. Es ist inzwischen unbestritten, dass die Telenovelas in Brasilien mit dazu beigetragen haben, das Rollenverständnis der Frau und das Idealbild des familiären Lebens grundlegend zu verändern. Während dieses früher eher durch das Ideal der Großfamilien geprägt war, in denen mehrere Generationen zusammenlebten, entspricht es heute zunehmend dem Ideal der westlichen Kernfamilie, die mobil und unabhängig ist. Vorbilder aus den Telenovelas werden von den Zuschauern oftmals für das eigene Leben als Handlungsanleitung kopiert. Als Maria, die Hauptperson der argentinischen Telenovela „Simplemente Maria“, schwanger in die Stadt zieht und sich als Näherin durchschlägt, explodieren die Verkaufszahlen für Singer-Nähmaschinen und die Umzüge vom Lande in die Stadt nehmen überdurchschnittlich zu.

Was Unterhaltungsfernsehen bewirken kann, bewies zu allererst die amerikanische Serie „Holocaust“ Ende der 1970er Jahre. Wie viele Reportagen, Interviews und Dokumentationen hatte es bereits zuvor über die Shoa gegeben? Und mit welch geringer Wirkung? Natürlich gab es bei der Serie eine kontroverse Diskussion  über die Frage, ob man den Völkermord in Form eines fiktionalen Programmes verarbeiten dürfe? Ob man damit den Opfern gerecht werde oder ihr Leid nicht kommerziell ausbeute? Tatsächlich aber hat das Schicksal der fiktiven Familie Weiß die Wahrnehmung dieser historischen Ereignisse in breiten Schichten grundlegend verändert, weil erstmals die Chance bestand, sich mit Menschen emotional zu identifizieren, die auf einer fiktiven Ebene, Betroffene dieser antisemitischen Vernichtungspolitik geworden waren. Der Holocaust ist vielen Menschen erstmals nahegegangen, ganz gleich, was sie bereits vorher über das Thema wussten.

Für viele Medienwissenschaftler ist es angesichts dieser Beispiele unerklärlich, warum die deutsche Öffentlichkeit der Unterhaltungsindustrie keine größere Aufmerksamkeit schenkt. Wenn ich mit Politikern offen über diesen Einfluss spreche, dann ernte ich häufig eine erschreckte Reaktion verbunden mit der Bitte, nicht zu laut und zu öffentlich darüber zu reden. Vermutlich aus Angst darüber, dass dieser Einfluss nicht offiziell legitimiert ist. Ich kann dem nur entgegenhalten, es wäre für unsere Gesellschaft noch schädlicher, die Tatsachen nicht zur Kenntnis zu nehmen. Denn nur, wenn wir das tun, können wir auch offen über die Inhalte dieser Arbeit diskutieren und über „Verantwortung“. Und diese Diskussion ist jetzt unbedingt erforderlich.

Und zwar aus zwei Gründen:

Zum einen hat der Medienkonsum eine faktische Wirkung auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und selbst auf Erwachsene. Darüber gibt uns die moderne Gehirnforschung und die Medienwirkungsforschung Auskunft.

Zum zweiten entließe eine Leugnung der gesellschaftlichen Prägekraft der Unterhaltungsmedien die Medienmacher selbst aus ihrer eigenen Verantwortung. Autoren, Produzenten, Regisseure, Programmgestalter und Intendanten müssen sich im Gegenteil über die öffentliche Wirkung ihres Tuns bewusst sein. Sie müssen dafür Verantwortung übernehmen und ihre Arbeit einer ethischen Haltung unterwerfen: Regeln, Grenzen, moralische Leitplanken. Dazu später mehr.

Lassen Sie mich zunächst über die Wirkung des Unterhaltungsfernsehens sprechen. Der Philosoph Norbert Bolz hat kürzlich auf einer Veranstaltung der UFA folgende These aufgestellt: Wer lange genug TATORT schaut, der wird allmählich ein guter Deutscher, ohne Ethik-Unterricht besucht zu haben! Der TATORT steckt voller positiver Werte, sagt Norbert Bolz, Werte, wie sie das heutige Deutschland verkörpert. Das reicht von der Tatsache, dass der Bösewicht am Ende immer gefasst wird, bis zur Political Correctness. Norbert Bolz hat das provokant in die Formel gepackt: Ein Türke ist – egal in welchem dunklen Licht er zunächst erscheinen mag – zum Schluss niemals der Mörder.

Warum hat Norbert Bolz diese Qualität dem TATORT, nicht aber Anne Wills Talkshow zugesprochen? Meine These lautet, dass die Unterhaltung in Sachen Verhaltensprägung gegenüber Informationsprogrammen im Fernsehen deutlich überlegen ist.  

Aus dieser Erkenntnis habe ich auch ganz persönlich Schlussfolgerungen für meinen beruflichen Werdegang gezogen. Denn das ist der entscheidende Grund, warum ich vor vielen Jahren vom politisch ambitionierten Journalismus zur UFA gewechselt bin. Ich hatte festgestellt, dass wir mit unseren Reportagen und Berichten bei „Kennzeichen D“ nur bei wenigen Zuschauern tatsächlich eine veränderte Haltung bewirken konnten. Denn im rationalen Politikjournalismus wirkt häufig die sogenannte kognitive Dissonanz. Was nicht der persönlichen Weltsicht und Wertung entspricht, wird von Menschen per se in ihrer Wahrnehmung aussortiert, ganz egal wie stichhaltig die Fakten sind.

Das Unterhaltungsfernsehen wirkt subtiler und zugleich ganzheitlicher, weil Bilder entstehen und Charaktere erscheinen, denen es gelingt, Menschen emotional anzusprechen und weil die Unterhaltung mehr und andere gesellschaftliche Zielgruppen erreicht als das Informationsfernsehen. Keine kritische Reportage über die Bombardierung von Dresden oder die Versenkung des Flüchtlingsschiffes Gustloff gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hat eine vergleichbar breite gesellschaftliche Diskussion ausgelöst wie die Fernsehfilmereignisse „Dresden“ oder „Die Gustloff“, die von über zehn Millionen Menschen gesehen wurden;

Nun mag mancher einwenden, Informationssendungen sieht man eben, um sich zu informieren, und Unterhaltungssendungen der Entspannung wegen. Dort ist das Gehirn auf Wissensaufnahme programmiert, hier auf Abschalten und Amüsement.

Die Gehirnforschung widerspricht dem. Manfred Spitzer, einer der profiliertesten Forscher, der sich insbesondere auch mit der Mediennutzung auseinandersetzt, ist ganz eindeutig in seiner Aussage. Er sagt: Das menschliche Gehirn lernt immer! Egal, was man tut oder was man schaut. Ob Trash-TV oder Tagesschau. Ob DSDS oder Maybrit Illner.  

Der Nutzer entscheidet, mit was er sein Gehirn „füttert“. Und die Medienmacher entscheiden, wie das Menü aussieht, aus dem der Nutzer auswählen kann.  

Beide tragen also eine unmittelbare Verantwortung für die Werte Formung. Und so wie es sicherlich eine gesellschaftlich wünschenswerte Prägung durch das Fernsehen gibt, so gibt es auch eine schädliche. Schätzungen gehen davon aus, dass amerikanische Kinder bis zur Vollendung ihres 18. Lebensjahres rund 32.000 Morde und 40.000 versuchte Morde gesehen haben. Wenn man berücksichtigt, dass Kindergehirne bis zum achten Lebensjahr die neuronalen Basisanlagen ausbilden, um die Welt verstehen und richtig auf sie reagieren zu können, dann kann man ermessen, welchen Schaden das „falsche“ Unterhaltungsfernsehen anrichten kann. Mit immer sich wiederholendem Gewaltkonsum speichert das Kindergehirn diese Stimulans als „normal“ ab. Das hat dramatische Folgen, auch außerhalb der Fernsehwelt, von Programmangeboten im Internet wie zum Beispiel Ego-Shooter-Spielen einmal ganz abgesehen.

Doch niemand wird dumm oder stumpft ab, nur weil er oder sie fernsieht. Das Medium Fernsehen per se hat keine schädlichen Folgen für das Gehirn. Entscheidend ist die Frage, wie das Fernsehen genutzt wird. Ob selektiv oder unkritisch, ob passiv oder bewusst. Es geht darum, die Kontrolle zu behalten und sich bewusste Regeln und Grenzen zu setzen.

Kinder bedürfen beim Medienkonsum deshalb der ganz besonderen Aufmerksamkeit von Eltern, Medien, Schule und Gesellschaft. Denn Kinder können noch nicht entscheiden, was gut für sie ist und was nicht. Das müssen andere für sie tun. Und diese Aufgabe ernst zu nehmen liegt im ureigensten Interesse einer Gesellschaft.

Aber ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als könnten die Programmmacher und Produzenten die Eltern und Lehrer mit dieser Aufgabe alleine lassen. Ganz im Gegenteil. Wenn ich eben darauf hingewiesen habe, dass der Einfluss des Fernsehens auf die Erziehung über die Jahre zugenommen hat, dann sage ich an dieser Stelle, dass auch die Verantwortung der Fernsehmacher in gleichem Maße gewachsen ist.

Natürlich kontrollieren die Landesmedienanstalten die Arbeit der Fernsehanbieter und Programmmacher. Doch wir müssen uns auch eigene  Regeln setzen. Jeder, der bei der UFA arbeitet, kennt unseren Social Responsibility Kodex. Und wir überprüfen unsere Arbeit immer wieder darauf, ob er eingehalten wird. Aber wie immer in moralischen Fragen gibt es Grenzbereiche. Es gibt kein schwarz-weiß, sondern viele Grautöne. Und es gibt unterschiedliche Auffassungen. Was ist noch zulässig, was nicht mehr? Wo erfolgt ein Tabu-Bruch, der eine notwendige gesellschaftliche Debatte auslöst, wo ein Tabu-Bruch, der Menschen oder Minderheiten herabsetzt und sie bloßstellt?

Und wo es Grenzbereiche gibt, muss diskutiert werden und das tun wir auch. Beispiel „Deutschland sucht den Superstar“. Das Format lebt von dem offenen Wettstreit der Kandidaten, ihrem unbedingten Siegeswillen, ihren Zweifeln und Ängsten vor und hinter der Bühne, aber auch von der ungeschminkten Ehrlichkeit der Juroren. So weit, so gut.

Persönliche Angriffe auf Kandidaten, Beleidigungen und Diffamierungen geben dagegen ein schlechtes Beispiel ab. Und nicht nur das: Sie gefährden mittelfristig das Format an sich, das darauf beruht, dass alle Kandidaten eine offene und faire Chance bekommen, sich zu bewähren. Ist das nicht mehr gewährleistet, geht die Authentizität der Sendung ebenso verloren wie ihre Vielfalt. Die diesem Format innenwohnende Faszination, dass selbst Menschen, die von ihrer Umwelt eher als Underdogs oder Verlierer wahrgenommen wurden, plötzlich durch ihr Talent zu Stars eines Millionenpublikums werden können, darf bei aller Ehrlichkeit der Juroren-Bewertung niemals in Gefahr geraten. Über die Grenzen und Grenzüberschreitungen streiten wir in der UFA intern – vor allem aber mit der Redaktion des Senders - regelmäßig. Und das ist gut und richtig so.

Meine Damen und Herren, das Beispiel zeigt schon, dass die Verantwortungsübernahme durch uns Medienschaffende nicht nur eine gesellschaftliche Pflichterfüllung, sondern nach meiner Auffassung auch ein geschäftlicher Imperativ ist. Ich bin davon überzeugt, dass sich der Erfolg von Medienmarken langfristig maßgeblich an der Glaubwürdigkeit und Authentizität ihrer Arbeit misst. Je stärker den Medien eine prägende Rolle zuwächst, desto stärker wird der Anspruch der Gesellschaft sein, ihnen auch vertrauen zu können.

Das ist eine Chance für die bekannten und zuverlässigen Medienmarken, die ein klares Profil haben. Ein Profil, das die soziale Verantwortung sichtbar mit einbezieht und das auf dem Boden eines klar umrissenen Wertekosmos steht.

Den Rahmen dafür muss niemand neu erfinden. Er ist durch die ersten 20 Artikel unseres Grundgesetzes vorgegeben, darunter Schutz der Würde des Menschen, Freiheit der Meinungen und Überzeugungen, Demokratie und Rechtstaatlichkeit sowie Hilfe für die Schwächsten unserer Gesellschaft.

Fünf Schlussfolgerungen an die Adresse der Medienmacher:

Erstens:  Medienmacher sollten sehr genau wissen, was Fernsehen und andere Medien bewirken, was sie anrichten können. Die Gehirnforschung hat dazu in den vergangenen Jahren Erstaunliches zutage gefördert, auch die Medienwirkungsforschung. Wir sollten uns in der Aus- und Fortbildung mit diesen Erkenntnissen intensiver als bisher beschäftigen.

Zweitens: Die Medienmacher sollten sich Grenzen setzen und Regeln festlegen. Gewalt ist Teil unserer Gesellschaft und Aggression ist Teil menschlicher Natur. Dies im Fernsehen zu ignorieren, wäre falsch. Aber es macht für das immer lernende menschliche Gehirn eben einen Unterschied, wie Menschen an ihr Ziel kommen und Anerkennung erfahren, ob auf friedlichem oder auf gewaltvollem Wege.

Drittens: Wir müssen uns der Diskussion mit der kritischen Öffentlichkeit stellen. Unser Tun ist ein öffentliches. Und entsprechend hat die Öffentlichkeit auch ein Recht, Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. Die Medien tragen eine Verantwortung für ihr einflussreiches Handeln und dafür brauchen sie gesellschaftlich akzeptierte Leitplanken.

Viertens: Wir müssen in besonderer Weise ein Gefühl für gesellschaftliche Strömungen und Werteverschiebungen entwickeln, um als ein Spiegel dieser Gesellschaft auf der Höhe der Zeit zu sein. Das ist nicht zuletzt auch ein wesentlicher Erfolgsfaktor für unsere Arbeit.

Fünftens: Wir sollten uns stets davor hüten, gesellschaftliche Regeln oder Werte verbindlich diktieren zu wollen. Dazu haben wir keine Legitimation. Gerade weil wir über die Bühne zur Öffentlichkeit verfügen, müssen wir der Versuchung widerstehen, vor einem Millionenpublikum die eigenen Überzeugungen zum Maßstab aller zu erklären.

Damit komme ich zum Schluss.

Das Unterhaltungsfernsehen wirkt an der Wertevermittlung in unserer Gesellschaft mit. Ob wir wollen oder nicht. Es wird Zeit, dass wir das ernst nehmen und uns mit dieser Wirkungsmacht auseinandersetzen. Die Medienmacher müssen eine erweiterte Verantwortung dafür übernehmen. Ja! Aber wir müssen auch die Mediennutzer in die Lage versetzen mit der Vielzahl der medialen Unterhaltungsangebote sinnvoll umzugehen. Medienkompetenz ist das Stichwort und diese endlich, gerade jungen Menschen zu vermitteln ist eine gesellschaftliche Aufgabe von hoher Dringlichkeit.

In diesem Sinne, meine Damen und Herren, wünsche ich Ihnen, uns und Deutschland weiterhin: GUTE Unterhaltung!

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