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Presseschau

Franckenstein fordert von Sendern erlösorientierte Vergütung

24. Juni 2015
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Im Interview mit promedia – das medienpolitische Magazin fordert Christian Franckenstein, Bavaria-Geschäftsführer und Mitglied des Produzentenallianz-Gesamtvorstands, von TV-Sendern eine erlösorientierte Vergütung auch bei sogenannten vollfinanzierten Auftragsproduktionen und stellt fest: „Der deutsche Produzent nimmt unterproportional an der Wertschöpfung seiner Programme teil.“

Das Interview im Wortlaut:

„Free-TV ist der dickste Ast auf dem wir sitzen“

Bavaria-Chef fordert von TV-Sendern eine erlösorientierte Vergütung auch bei Auftragsproduktionen

Interview mit Dr. Christian Franckenstein, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bavaria Film, Mitglied des Gesamtvorstands der Produzentenallianz

Die Bavaria Film GmbH ist eines der größten und traditionsreichsten Medienunternehmen in Europa. Gewachsen aus der Tradition eines 1919 gegründeten Studiobetriebs, hat sich die Bavaria Film mit ihren Tochter- und Beteiligungsfirmen zu einer international operierenden Produktions- und Dienstleistungsgruppe entwickelt, die alle Segmente der audiovisuellen Industrie erschließt. Der Umsatz betrug im Geschäftsjahr 2013/2014 198 Mio. Euro und damit deutlich weniger als im Jahr zuvor mit 228,4 Mio. Euro. In einem promedia-Gespräch fordert Dr. Christian Franckenstein, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bavaria Film seit Oktober 2014, dass die Sender die Produzenten auch bei einer hundertprozentigen Auftragsproduktion an den digitalen Verwertungserlösen beteiligen und auch eine Mediathekenauswertung, die über sieben Tage hinausgeht, vergütungspflichtig ist.

promedia: Herr Franckenstein, Sie haben 2007 auf den Marler Tagen der Medienkultur zum Verhältnis Produzent-TV-Sender gesagt: „Dort, wo wir früher gemeinsam in einem Boot gepaddelt haben, herrscht heute ein Ungleichgewicht: Wir Produzenten paddeln viel, doch nur wenig von diesem Einsatz schlägt auf unserer Seite zu Buche.“ Inwieweit existiert dieses Ungleichgewicht auch jetzt, acht Jahre später, noch?
Franckenstein:
Im Grundsatz hat sich an der Aussage nichts verändert. Der deutsche Produzent nimmt unterproportional an der Wertschöpfung seiner Programme teil. Unter dieser Grundaussage lassen sich jetzt selbstverständlich viele Differenzierungen ableiten.

promedia: Es wurden Eckpapiere mit ARD und ZDF beschlossen. Reicht das aus, um wieder „gemeinsam“ zu paddeln?
Franckenstein:
Seit der Protokollnotiz zum 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag im Jahre 2008 gibt es Arbeitsgruppen zwischen ARD bzw. ZDF und der Produzentenallianz, die im Kern eine Verbesserung der Terms of Trade aus Sicht der Produzenten zum Ziel haben. Die Protokollnotiz spricht von „angemessener Vergütung“, die es bilateral zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und den Produzenten für die jeweiligen Programm- Genres zu erarbeiten gilt. Als Teilnehmer einiger dieser Arbeitsgruppen kann ich sagen, dass wir in vertrauensvoller Atmosphäre unsere Positionen austauschen. Auch sind die jeweiligen Eckpunkte ein Beleg dafür, dass hier durchaus Fortschritte erzielt worden sind. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Durchsetzung dieser neuen Verabredungen können wir feststellen, dass die Eckpunkte nun auch in der täglichen Praxis – jedenfalls weitgehend – Eingang gefunden haben und damit nicht nur Papiererfolge darstellen. Das ganze Thema Terms of Trade ist dabei als Prozess zu verstehen, für den es immer wieder alle Beteiligten zu gewinnen gilt. Stehenbleiben gibt es dabei nicht, dazu verändern sich unsere Industrien gerade viel zu schnell.

promedia: Die von Ihnen damals geforderte „zusätzlich verwertungsorientierten Erlösstruktur zugunsten des Produzenten“, ist erst teilweise erreicht. Welche Vorstellungen haben Sie für die Erlösbeteiligung bei digitaler Verwertung?
Franckenstein:
Auch mit den privaten Sendern werden erlösorientierte Vereinbarungen für Produktionen getroffen. Hierbei handelt es sich aber um Einzelfallregelungen. Grundsätzliche allgemeingültige Eckpunktevergleichbare Regelungen über Produktionsvergütungen und Erlösvereinbarungen sind derzeit mit den Privatsendern nicht zu erzielen. Das ist einfach so. Auf der Basis der aktuellen gesetzlichen Regelungen ist das von Produzentenseite auch zu akzeptieren. Die Verwertungswelt wird immer komplexer, Programme sind heute vielfältiger verwertbar als noch vor zehn Jahren. Ich halte eine erlösorientierte Verwertungskomponente, auch bei vollfinanzierter Auftragsproduktion, für zeitgemäß. Diese kann jedoch nur einsetzen, sofern der finanzierende und damit risikotragende Sender vorab entsprechend seines Risikos auch vergütet worden ist bzw. entsprechende Ausstrahlungen und Nutzungen des Programms vornehmen konnte. Auf dieser Grundlage sollte das „Mehr“ aus der digitalen Verwertung dann partnerschaftlich geteilt werden.

promedia: Beim neuen Online-Jugendangebot von ARD und ZDF soll es keine 7-Tage-Frist mehr geben. Halten Sie dafür eine zusätzliche Vergütung für erforderlich?
Franckenstein:
Diese Aussage kenne ich so nicht. Die Mediathek, das können Sie sich vorstellen, ist aus Produzentensicht wie Free-VoD und steht damit entgeltlichen Verwertungsformen wie SVoD oder AVoD entgegen. Ein guter Kompromiss wäre es, wenn eine über die praktizierte 7-Tage- Regel hinaus stattfindende Mediathekenauswertung vergütungspflichtig würde.

promedia: Auch bei den 100-Prozent-Auftragsproduktionen?
Franckenstein:
Auch bei 100- Prozent-Auftragsproduktionen, da ein immer nutzbares Gut nicht nur mit der Vergütung der Herstellungskosten angemessen vergütet ist, sondern wie vorstehend beschrieben im Erfolgsfalle, also im Falle der Vielfachnutzung auch eine erlösorientierte Komponente hinzukommen sollte.

promedia: Das ZDF hat sich mit der Produzentenallianz jetzt verständigt, dass die Produzenten auch bei VoD-Verwertung mit 16 Prozent beteiligt werden. Das setzt aber eine Verwertung voraus. Müssen sich ARD und ZDF stärker generell um den Verkauf von TV-Produktionen für digitale Plattformen kümmern?
Franckenstein:
Soweit mir bekannt, sind sowohl ARD als auch ZDF gerade dabei, erste Erfahrungen mit Auswertungen auf digitalen Plattformen außerhalb der Mediatheken zu sammeln. Es geht hierbei wohl vor allem darum, die Kenntlichkeit der Programmherkunft herauszustellen und damit die Auftrag gebende Sendermarke ins Bewusstsein der Programmnutzer zu transportieren. Ich denke, dass Programme heute den Weg zum Konsumenten finden müssen und nicht mehr, wie in der analogen Welt, in umgekehrter Richtung. Wir müssen aber Verständnis dafür aufbringen, dass die klassischen TV-Sender hier mit Bedacht voranschreiten und zunächst einmal viel austesten, um gleichzeitig die bestehende und ja noch sehr stabile Free-TV-Säule nicht zu beschädigen. Dies ist auch im Interesse der Produzenten, da das Free-TV-Geschäft doch der dickste Ast ist, auf dem wir alle sitzen.

promedia: Eine der wichtigsten Überlegungen bei der Novellierung des FFG ist die nach zusätzlichen Geldquellen für die Finanzierung der FFA. Wenn es bei den jetzigen Einzahlern bleibt – und diese nicht aufstocken – wird die FFA ab 2017 weniger Mittel zur Verfügung haben. Wäre das sehr dramatisch? Auch durch die Kürzung des DFFF sind kaum weniger deutsche Filme produziert worden?
Franckenstein:
Es ist wesentlich, dass die deutschen Förderbedingungen sich nicht weiter verschlechtern, idealiter natürlich sogar die Basis verbreitert wird. Ein tragfähiges nationales wie föderales Fördersystem dient dem Leistungsanreiz bzw. der Leistungsbelohnung. Dies umfasst meines Erachtens sowohl besonders hervorzuhebende künstlerische Leistungen als auch herausragende kommerzielle Ergebnisse.

Aus: Promedia Nr. 7/2015, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Promedia-Verlags.

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