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Presseschau

Franckenstein: „Unvergütetete Vorleistungen der Produzenten steigen kontinuierlich an“

2. Oktober 2012
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Im Interview mit dem medienpolitischen Magazin Promedia (Oktober-Ausgabe) beklagt Christian Franckenstein, Vorstandsvorsitzender der MME MOVIEMENT AG und stellvertretender Vorsitzender des Produzentenallianz-Gesamtvorstands, dass Entwicklungsleistungen werden immer stärker auf die Produzenten verlagert würden, „die unvergüteten Vorleistungen der Produzenten steigen kontinuierlich an“. Die Initiativen der Produzentenallianz zielten darauf ab, in der digitalen Welt die Einnahmen der Produzenten aus den sogenannten Sekundärverwertungen deutlich zu steigern. „Die über Jahrzehnte etablierte Praxis eines rein produktionskostenorientierten Vergütungsmodells zwischen Sender und Produzent hat mit der Ausdehnung der digitalen Verbreitungsmöglichkeiten definitiv ausgedient.“

Auszüge des  Interviews im Wortlaut:

TV-Produzenten leiden unter Kostendruck und wachsenden Vorleistungen

„Ich wünsche mir ein mutiges Umdenken der Branche“

promedia: Herr Franckenstein, die MME MOVIEMENT gehört zu den größten unabhängigen TV-Produzenten. Wird aufgrund des Kostendrucks der Sender das Klima rauer?
Franckenstein:
Fakt ist, dass der deutsche Fernsehmarkt seit einigen Jahren kein Wachstumsmarkt mehr ist. Beim Blick auf die Einnahmenseite der die Produktion finanzierenden Sender stellen wir fest, dass weder bei den Werbeeinnahmen (hier: Netto-TV-Werbeerlöse) noch bei den öffentlichen Gebühren nachhaltige, über der Inflationsrate liegende Zuwächse erzielt werden. Dies bedeutet im Klartext eine Stagnation auf der Erlösseite unserer Auftraggeber. Eine Folge davon seitens der Sender ist der von Ihnen angesprochene Preisdruck bei drei Bereichen:
– Entwicklungsleistungen werden immer stärker auf die Produzenten verlagert. Die unvergüteten Vorleistungen der Produzenten steigen kontinuierlich an.
– Die beauftragten Produktionen unterliegen vielfach einem Festpreismodus in Anlehnung an das auf dem jeweiligen Sendeplatz zur Verfügung stehenden Budget. Dieses Budget ist sozusagen der Preisdeckel.
– Das Geschäftsmodell in unserer Branche zwischen Sender und Produzent ist unverändert weitgehend Total-Buy-Out. Damit können die Unzulänglichkeiten der Vergütung aus den vorgenannten beiden Kostenbereichen nur in seltenen Fällen durch eine Partizipation der Produzenten an den Verwertungserlösen kompensiert werden.

promedia: W0 liegen im Moment die größten Probleme in der Zusammenarbeit mit den Sendern?
Franckenstein:
Die Frage lässt sich so generell nicht beantworten. Dafür sind die Gegebenheiten bei den einzelnen Sendern doch zu unterschiedlich. Es wäre auch zu einfach als Produzent immer nur zu sagen: „Wir brauchen mehr. “ und damit nicht viel mehr als die seit Jahren zu hörende Antwort „mehr gibt es nicht“ zu provozieren, um dann im Kleingedruckten sich abzumühen und zwar auf den Fachebenen beider Seiten. Ich würde mir vielmehr ein mutigeres Umdenken wünschen. Sender und Produzenten stehen doch vor einer gemeinsamen Herausforderung: Wie stellen wir uns für die Zukunft richtig auf und wo liegt für uns im deutschen Markt die positive Perspektive? Wir haben in Deutschland ein phantastisches vielfältiges Senderangebot im Free-TV, dazu kommt jetzt ein inhaltlich deutlich stärker werdendes Pay-TV, wir haben eine sehr leistungsstarke Produzentenlandschaft und nicht zu vergessen, es ist und bleibt ein Milliardenmarkt. Dies ist eine großartige Ausgangsposition. Anstatt sich in mühseligen Verteilungskämpfen gegenseitig zu verschleißen, sollten wir – alle Marktteilnehmer – versuchen, vorwärtsgerichtete Modelle zu entwickeln. Auf Mikroebene ist das kaum zu lösen, denn da haben alle zuständigen Personen auf Senderseite ihre Vorgaben. Die einen dürfen sich nicht bewegen, weil ansonsten die Gewinnmarge sinken würde und die Gesellschafter unzufrieden werden, die anderen können sich nicht bewegen, weil das Korsett an Verpflichtungen bei stagnierenden Einnahmen einfach zu engmaschig geknüpft ist. Im Ergebnis: Stillstand mit einem zunehmenden Grad an Unzufriedenheit.

promedia: Sie haben es bereits angedeutet, dass die Produzenten bei der Entwicklung neuer Formate immer stärker in Vorleistung gehen müssen. Welche Konsequenzen hat das?
Franckenstein:
Das Entwickeln von innovativen Ideen, das Konzipieren von neuen Programmen ist eine der wesentlichen Leistungen des Produzenten. Um hier wirklich leistungsfähig zu sein, müssen die Produzenten entsprechende personelle Ressourcen vorhalten. Wirtschaftlich geht das nur auf, wenn im Gesamtunternehmen ausreichend serielle Produktionen existieren. Der heute erzielbare Deckungsbeitrag aus Einzelstücken ist definitiv nicht ausreichend, um auch die erforderlichen Entwicklungsleistungen zu finanzieren. Wenn wie kürzlich bei einer Tatort-Ausschreibung des mdr offensichtlich 86 Produzenten Ideen eingeliefert haben, dann spricht das einerseits für das hohe Interesse an diesem Programm, für eine hohe kompetente Breite an Produzenten, andererseits haben 85 Teilnehmer keinen Rückfluss für ihre Aufwendungen. Das kann man nicht unendlich durchhalten als Produzent. Insofern sehe ich in den kommenden Monaten auch Diskussionsbedarf mit den Sendern bezogen auf die zunehmende Ausschreibungspraxis und deren Auswirkungen auf die Produktionsseite.

promedia: Inwieweit erfolgt durch die Sender dafür ein Ausgleich, z.B. durch Auswertungsrechte für Produzenten?
Franckenstein:
Die vertragsrechtlichen Beziehungen zwischen Sendern und Produzenten in Deutschland sind stark geprägt von den fiktionalen Programmen. Der Produzent stimmt Projektideen in der Regel sehr früh mit den Senderredakteuren ab, im positiven Fall gibt es dann Entwicklungsverträge mit anschließenden Produktionsaufträgen. Diese Abfolge sieht bei sogenannten Auftragsproduktionen regelmäßig keine Auswertungsrechte für den Produzenten vor. Sowohl über die Produzentenallianz als auch in unseren alltäglichen Verhandlungen mit den Sendern sind wir dabei, sukzessive mehr Verständnis für die dringend benötigte Beteiligung an Rechten und damit an der Verwertungsperspektive zu bekommen. Angesichts des stagnierenden Gesamtmarktes geht es hier aus Sendersicht um eine Umverteilung zu Gunsten der Produzenten. Wir sagen: Durch die Digitalisierung entstehen völlig neue Verwertungsmöglichkeiten für unsere Inhalte. Hieran möchten wir partizipieren, sofern die Ideen/Entwicklungen vom Produzenten erfolgen und mitfinanziert sind. Ich meine, dass wir gute Argumente auf unserer Seite für die Durchbrechung des bisherigen Modells haben. Aber ich erkenne, dass Veränderung Geduld erfordert. Die Botschaft der Produzenten an dieser zentralen Stelle lautet: Wir wollen niemandem etwas wegnehmen, aber eine angemessene Vergütung für unsere Leistung findet derzeit in den meisten Fällen im Kostenerstattungsmodell total buy out einfach nicht mehr statt.

promedia: 2008 verabschiedete die Ministerpräsidenten-Konferenz eine Protokollnotiz, die den öffentlichrechtlichen Sendern „ausgewogene Vertragsbedingungen und eine faire Aufteilung der Verwertungsrechte“ gegenüber den Produzenten abverlangt. Wie ist diese Auflage von ARD und ZDF umgesetzt worden?
Franckenstein:
Wir haben in den sogenannten Eckpunkte-Papieren sowohl mit den ARD-Anstalten als auch mit dem ZDF einen gesonderten Abschnitt formuliert zum Thema Unterhaltungsprogramme. Darin ist in jedem Fall viel gute Absicht auch von der Senderseite zu erkennen. Wir müssen allerdings feststellen, dass die bisherige Praxis noch nicht zu durchschlagenden Ergebnissen geführt hat. Das, was wir hier anstreben, ist natürlich für die Sendeanstalten neu und wird vielleicht auch nicht von allen Mitgliedern der Organisationen nur positiv gesehen. Wir scheitern derzeit vor allem an der Realisierung. Es fehlt meines Erachtens der unbedingte Wille, diese Formulierungen auch anzuwenden. Es geht bei den Eckpunkten ja eher um Leitlinien mit viel Spielraum für Interpretationen. Dieser wurde bisher viel zu stark rückwärtsgerichtet genutzt. Es wäre wünschenswert, wenn auf Senderseite von der Leitung her klare Signale an die zuständigen Abteilungen ausgingen, hier vorwärtsgerichtet zu interpretieren. Das ist eine klassische „topdown“-Botschaft. Bis Ende 2013 muss hier nachweislich Positives geschehen, ansonsten kann ich nicht erkennen, dass wir die Protokollvorgabe wirklich umgesetzt hätten.

promedia: Inwieweit behalten Sie bei Ihren Produktionen die digitalen Verwertungsrechte?
Franckenstein:
Das ist ein weites Feld und sehr unterschiedlich zu beantworten. Bei den ARD-Sendeanstalten ist beispielsweise in den Eckpunkten geregelt, dass die Produzenten, u.a. an der kommerziellen VoD-Verwertung partizipieren. In Einzelfällen gelingt uns mit anderen Sendern, auf dem Verhandlungswege eine Beteiligung an denjenigen Verwertungserlösen zu erreichen, die nicht aus dem Free-TV stammen. Das ist zurzeit individuell sehr unterschiedlich. Im Kern lässt sich sagen, dass der Produzent in Deutschland bei Auftragsproduktionen – und das ist mit Abstand das Gros der Programmversorgung – bisher keine nennenswerten Einnahmen aus der digitalen Verwertung erzielt. Dies gilt nach eigenen Angaben aber auch für die Senderseite.

promedia: Welche wirtschaftliche Bedeutung hätte es für die MME, wenn Sie ihre Formate digital weiter verwerten könnten?
Franckenstein:
Was wir derzeit beobachten, ist, dass die Grundgesamtheit der Zuschauer, die die großen Sender erreichen, kleiner wird. Um dieser Verflüchtigung entgegenzuwirken, entwickeln die Senderfamilien neue, spezialisiertere Senderangebote wie ZDFNeo, Sixx, RTLNitro, etc.. Ziel dieser Vorgehensweise ist meines Erachtens, den Marktanteil für die jeweilige Sendergruppe insgesamt stabil zu halten und wenn möglich auch die absolute Zuschauerzahl, die die Sender der Familie erreichen, zu behaupten. Für uns Produzenten besteht aus dieser Tendenz die Gefahr, dass bezogen auf die großen Sender unsere bisherigen Auftraggeber bei rückläufiger Zuschauerzahl ihre Refinanzierungskraft verlieren. In der Konsequenz bedeutet dies weniger Geld für Auftragsproduktionen während gleichzeitig die neuen digitalen Sender zwar Zuschauerverluste aus Sendersicht auffangen, aber eben keine hinreichenden Produktionsbudgets zur Verfügung haben. Sollte sich diese Entwicklung verstetigen, werden wir gefordert sein, mit den Sendern auch über eine angemessene Vergütung für Wiederholungen zu verhandeln, denn die neuen digitalen Sender werden ja weitgehend aus dem Programmbestand versorgt.

promedia: Können Sie sich Regelungen nach dem Vorbild Großbritannien und Frankreich vorstellen, wo die Produzentenmit den Sendern Verträge schließen, die diesen nur begrenzte Senderechte zuweisen, die weiteren Rechte bleiben bei den Produzenten?
Franckenstein:
In der digitalen Welt wird es auch für die deutschen Fernsehproduzenten unabdingbar sein, die Einnahmen aus den sogenannten Sekundärverwertungen („secondary income“) deutlich zu steigern. Darauf zielen ja auch alle Initiativen der Produzentenallianz ab. Die über Jahrzehnte etablierte Praxis eines rein produktionskostenorientierten Vergütungsmodells zwischen Sender und Produzent hat mit der Ausdehnung der digitalen Verbreitungsmöglichkeiten definitiv ausgedient.

promedia: Sehen Sie die Notwendigkeit, dass hier die Politik erneut regulierend eingreift?
Franckenstein:
Auf der Basis des über viele Jahre etablierten partnerschaftlichen Modells zwischen Sendern und Produzenten sollte es unser aller Ehrgeiz sein, hier ohne weitere gesetzliche Regulierungen voranzukommen. Dafür bedarf es aber einer viel deutlicheren Einsicht auf der Senderseite, hier gemeinsam mit uns Neues zu wagen. A propos Regulierung: alle großen Sender haben in den vergangenen Jahren ihre vertikale Integration vorangetrieben, d.h. haben ihre eigenen Produktionsaktivitäten teils sehr stark ausgebaut. Auch die Sender erkennen offenbar die zunehmende Bedeutung des Content making. Dies gilt sowohl für die öffentlich- rechtlichen Sender als auch für die Privatsender. Dabei ist festzustellen, dass insbesondere wirtschaftlich interessante serielle Sendeplätze tendenziell verstärkt „inhouse“ vergeben werden. Unter der Annahme eines stagnierenden Gesamtmarktes geht dieser Ausbau eindeutig zu Lasten der senderunabhängigen Produzenten.

Aus: Promedia Nr. 10/2012. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Promedia-Verlags.

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