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Presseschau

Mathias Schwarz: „Deutschland eines der fachlich besten Produktionsländer der Welt“

11. Januar 2010
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Im Gespräch mit Filmecho|Filmwoche über den DFFF sagte Prof. Dr. Mathias Schwarz, Geschäftsführer der Sektion Kino der Produzentenallianz, neben den gewünschten Beschäftigungs- und Ausgabeneffekten habe Professionalität und hohe Qualität der deutschen Produktionsdienstleister vom Deutschen Filmförderfonds (DFFF) profitiert. Heute gelte Deutschland als eines der fachlich besten Produktionsländer der Welt. DFFF-Mittel hätten „praktisch Eigenkapitalcharakter“ und ersetzten teilweise das leider in der Breite immer noch fehlende Eigenkapital der Produzenten. Die beste Voraussetzung für die Stärkung des Eigenkapitals seien erfolgreiche Filme: „In diesem Jahr ist es gelungen, 13 Besuchermillionäre auf die Leinwand zu bringen. Der DFFF hat dazu wesentlich beigetragen.“

Das Interview im Wortlaut:

Medien-Fachanwalt Prof. Mathias Schwarz über das deutsche Fördersystem.

DFFF bringt den Markt voran

Nicht nur Kulturstaatsminister Bernd Neumann sieht den 2007 eingeführten und mit 60 Millionen Euro jährlich ausgestatteten Deutschen Filmförderfonds (DFFF) als Erfolgsmodell. Seither wurde mit etwa 164,3 DFFFMillionen ein „German Spend“ von mehr als einer Milliarde Euro angeschoben. Produzenten und Filmschaffende „revanchierten“ sich mit einem Marktanteil von 26,6 Prozent im Jahr 2008. Die Statistik für 2009 könnte diesen Rekord toppen.

Vor der 2010 beginnenden zweiten dreijährigen Laufzeit stand eine Evaluierung des DFFF. Veränderte Vergaberichtlinien sollen zum Jahresbeginn – vorbehaltlich der Zustimmung  der EU – in Kraft treten. Über den DFFF sprach Filmecho mit Prof. Dr. Mathias Schwarz. Der Münchener Medien-Fachanwalt ist Geschäftsführer der Sektion Kino der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen.

Der Deutsche Filmförderfonds geht 2010 in die zweite Runde. Was hat der DFFF für die deutsche Kino-Produktionslandschaft gebracht?
Der DFFF hat die ihm gesetzten Ziele erfolgreich absolviert. Es gelang, internationale Produktionen nach Deutschland zu holen. Sie kamen insbesondere nach Berlin, aber auch verstärkt in andere Regionen. Das hat zum Einen die gewünschten Beschäftigungs- und Ausgabeneffekte bewirkt. Zum Anderen konnten die Professionalität und hohe Qualität der deutschen Produktionsdienstleister profitieren. Heute gilt Deutschland als eines der fachlich besten Produktionsländer der Welt.
Zum Zweiten hat die automatische Förderung dazu beigetragen, dass die Budgets deutscher Kinofilme stiegen. Damit wurde ein höherer Qualitätsstandard erreichbar, der sich – davon bin ich überzeugt – nicht nur einmalig, sondern als kontinuierlicher Erfolg der deutschen Filme niederschlägt.

Gibt es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Höhe der Budgets und der Qualität der Filme? Kann eine automatische Förderung wie die des DFFF nicht auch einen gegenteiligen Effekt erzeugen?
In den Budgetregionen deutscher Produktionen gibt es eine sehr hohe Korrelation zwischen zusätzlichen Mitteln des DFFF und höherer Qualität im Sinne eines höheren Zuschauer-Appeals, eines höheren Screen Values. Zu Beginn des DFFF hatten wir Budgets von durchschnittlich 3,5 Millionen Euro. Kann hier das Budget um 500 000 Euro
aufgestockt werden, hilft das, einen besseren Value für die Zuschauer zu erreichen. Natürlich nicht zwingend. Auch bei Filmen mit geringerem Budget, deren Geschichten oder Erzählformen als solche wunderbar sind, bewirkt diese zusätzliche Finanzierung eine höhere Bildqualität, durch die größere Zahl von Zuschauern erreicht werden kann. So sind diese zusätzlichen Mittel in der Breite sicherlich ein Grund dafür, dass mehr Zuschauer als früher in deutsche Filme gehen.

In die Evaluierung der DFFF-Richtlinien wurde hineingetragen, das Mindestbudget anzuheben: Mehr Fördergeld für weniger Filme bei gleicher Größe des Topfes. Würde das die Qualität stimulieren oder geht das auf Kosten der Breite des Filmschaffens?
Es wird immer wieder einmal die Meinung vertreten, dass es zu viele deutsche Filme gebe, die sich dann schwer tun, sich am Markt die erforderliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Andererseits sind die DFFF-Mittel, die an Filme mit Budgets von einer oder zwei Millionen Euro gehen, im Verhältnis zu den Gesamtmitteln des DFFF jedoch gering. Durch eine Anhebung der Budgetgröße könnte man deshalb nur wenige Mittel umverteilen. Die Entscheidung, die Mindestbudgetgrenze nicht anzuheben, war aus meiner Sicht richtig: Einmal weil auch unter diesen „kleinen“ Filmen immer mal wieder eine Perle ist. Und weil sich die Breite des Filmschaffens gerade auch in diesen kleineren Filmen verwirklicht.

Das Sorgenkind der Produzenten ist nach wie vor die Eigenkapitalisierung. Konnte der DFFF zu einer Stärkung der Produzenten beitragen?
Die als Zuschuss in Höhe von 16 Prozent auf den German Spend gewährten Mittel haben praktisch Eigenkapitalcharakter. Sie ersetzen damit teilweise das leider in der Breite immer noch fehlende Eigenkapital der Produzenten. Die beste Voraussetzung für die Stärkung des Eigenkapitals sind erfolgreiche Filme. In diesem Jahr ist es gelungen, 13 Besuchermillionäre auf die Leinwand zu bringen. Der DFFF hat dazu wesentlich beigetragen. Und somit auch dazu, dass deren Produzenten Eigenkapital aus den erwirtschafteten Gewinnen bilden können.

Konnte der DFFF den Produzenten durch die Krise helfen – auch angesichts der Zurückhaltung der Banken? Sind andere Hebel – zum Beispiel eine Filmbank – als zusätzliches Instrument der Filmfinanzierung sinnvoll?
Das wäre bestimmt sinnvoll. Der DFFF kann nur die 16 Prozent des German Spend darstellen. Die übrigen 84 Prozent müssen weiterhin finanziert werden. Das geschieht zum Teil über Zwischenfinanzierungen bei den Banken. Die Bereitschaft einer ganzen Reihe von Instituten, in diesem Sektor Finanzierungen zu ermöglichen, ist heute nicht mehr festzustellen. Es muss also zum Einen darüber nachgedacht werden, wie man die Bereitschaft zur Zwischenfinanzierung verbessern kann. Zum Anderen müssen intelligente Wege gefunden werden, um in einem gewissen Risikobereich Finanzierungen zu ermöglichen und damit über die fortbestehende Eigenkapitalschwäche der Produzenten hinwegzuhelfen.

Die Premierenzahl deutscher (Ko-)Produktionen stieg zwischen 2003 und 2008 dramatisch. Immer öfter ist vom Overscreening die Rede – eine Angebots-Überfülle könnte Erlösmöglichkeiten blockieren. Kann und sollte der DFFF dem begegnen? Ist so ein Gedanke in die veränderten Richtlinien aufgenommen worden?
Ich sehe den Anstieg der deutschen Produktionen nicht als „dramatisch“ an, weil wir gleichzeitig von einem Zuschaueranteil von um die zehn Prozent hochgekommen sind
auf rund 27 Prozent. Die Zahl der Kinostarts deutscher Filme hat aber nicht im gleichen Verhältnis zugenommen. Richtig ist jedoch: Am Markt tun sich deutsche Filme, wie auch europäische Filme und amerikanische abseits des Mainstreams schwer. Es gelingt ihnen oft nicht, eine allgemeine Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu gewinnen. Durch eine Anhebung der Kopienzahlen dazu beizutragen, dass kleine Filme, die für einen Start mit nur zehn oder 15 Kopien durchaus geeignet erscheinen, nicht mehr in den Genuss des DFFF kämen, wäre jedoch sehr hart. Das führte zu einer weiteren Verengung des Angebots auf den Mainstream. Deshalb habe ich volles Verständnis dafür, dass in den neuen Richtlinien eine Änderung nicht vorgesehen ist und es bei den bisherigen Kopienzahlen bleibt.

In den DFFF-Richtlinien ist bisher pauschal von „Kopien“ die Rede, praktisch wurde von 35-Millimeter-Kopien ausgegangen. Kostengünstige Digitalkopien könnten den Trend zum „Amphibienfilm“ fördern. Erfordert die Kinodigitalisierung da nicht eine Präzisierung der Richtlinien?
Ist glaube nicht, dass dieses Thema mit dem Amphibienfilm zusammenhängt. Damit solche Filme überhaupt DFFF-Förderung erhalten können, müssen sie nach der neuen Richtlinie einen Kinostart mit 200 Kopien nachweisen. Das mag in der Definition an den analogen Kopien orientiert sein. Aber eine Änderung kann man unschwer umsetzen, wie es das FFG bereits getan hat. Zum Beispiel in der Weise, dass der Einsatz mit durchgehender Bespielung eines Kinos über sieben Tage in einer Woche erfolgen muss. So kann man sehr deutliche Abgrenzungen zu originären Fernsehproduktionen bewerkstelligen. Ich bin deshalb nicht besorgt, dass die Grenze zum Amphibienfilm verwischt wird.

In welche Richtung sollten die Filmförderungen des Bundes und der Länder weiter entwickelt werden? Kann der DFFF dabei eine Vorbildrolle übernehmen?
Der DFFF ist sicher ein Vorbild. Das zeigt sich schon dadurch, dass er in Europa von einer Reihe anderer Länder kopiert wurde. Die automatische Förderung gibt eine Sicherheit, die Mittel des DFFF auszuschöpfen. Das ist ein wichtiger Baustein – aber eben nur einer.
Die FFG-Referenzförderung, die leider durch die letzte FFG-Novelle erheblich gekürzt wurde, ist ein weiteres wichtiges Element. Referenzmittel haben in Ergänzung zum DFFF den Vorteil, dass sie flexibler eingesetzt werden können, auch für späte Löcher in der Finanzierung oder bei Kostenüberschreitungen. Die Projektfilmförderung ist ein weiterer Baustein, um Projekte, die in der Planungsphase Unterstützung brauchen, befördern zu können. Die noch nicht existierenden Hilfen bei der Schließung von Finanzierungen – zum Beispiel über die KfW – würden es erleichtern, die Filmfinanzierung in Deutschland in einer Weise abzurunden und krisenfest zu machen, wie es etwa in Frankreich schon heute der Fall ist.

Das Ausland bleibt nicht untätig. Es gibt in z. B. in Ungarn und Tschechien neuartige Förderhebel. Ungarn und Frankreich schaffen Studio-Kapazitäten. Wie gehen die veränderten Richtlinien auf diese Entwicklungen ein?
Im Wettbewerb mit anderen Produktionsländern und anderen Fördersystemen in Europa muss man die Entwicklung verfolgen. Für die amerikanischen Produktionen, die nach Europa kommen, spielt auch der Wechselkurs eine wichtige Rolle. Darauf kann man durch Förderungen nur begrenzt reagieren. Die hierdurch bewirkten Verschiebungen sind teilweise kolossal. Innerhalb Europas ist es sehr wichtig, dass wir die Förderung nach dem FFG wieder auf stabile Beine stellen, um diese Mittel wieder gesichert in Anspruch nehmen zu können. Nachteile gegenüber dem Ausland bestehen auch bei der Höhe der finanziellen Beteiligungen der Sender, die sich an Kinoproduktionen beteiligen. Die neu gefassten DFFF-Richtlinien gehen auf die Erfordernisse internationaler Drehplanungen auch ein, indem der Auslandsdreh deutscher Produktionen jetzt mit 40 statt 30 Prozent der Kosten anerkannt wird.
Peter Dehn

Aus: Filmecho|Filmwoche 01/2010 vom 8. Januar 2010, Seiten 36/37. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Verlages Horst Axtmann GmbH, Wiesbaden

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