09.10.2017

ARD und ZDF: Es wird Zeit den Zuschauer ernst zu nehmen

Mehrere Journalisten fordern in der aktuellen Ausgabe von Der Spiegel (Ausgabe Nr. 41 vom 7.10.2017, S. 10-16) unter dem Titel „Bildstörung“, dass es Zeit sei für die Sender ARD und ZDF ihre Zuschauer ernst zu nehmen.
Einleitend betonen die Autoren, dass das Internet das Gleichgewicht des Mediensystems zwischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern und privater Presse „infrage stellt“. Es geht in dem Artikel besonders um die Vielfalt des Publizierens in der Republik, also einem gewachsenen System, das sich nun verändert. Das Problem für Mathias Döpfner (Chef des Axel Springer Konzern & aktueller Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger) und Co. sei, dass die ARD nicht nur Fernsehinhalte böte, sondern „auch jede Menge Texte“ im Netz. Problem dabei sei, dass eine „Konkurrenz unter Ungleichen“ durch die Rundfunkgebührensicherheit auf der einen Seite vorläge. Bisher habe die Politik den Sendern „presseähnliche“ Angebote untersagt, doch, so die Verfasser des Artikels, würden „die Lobbyisten der ARD“ an der Aufweichung dieser Verbote arbeiten. Das ZDF sei von dieser Debatte nicht weiter betroffen, da es sich auch im Netz bei den digitalen Angeboten vornehmlich auf audiovisuelle Inhalte konzentrieren wolle.
Diese Debatte würde in einer „brisanten“ Phase stattfinden: Denn aktuell gäbe es die Strukturreform der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, vornehmlich gehe es dabei ums Sparen. Und die Grundsatzfrage insgesamt aber sei: „Wie könnte eine Reform des deutschen Mediensystems aussehen?“ Betrachte man die relative Meinungsmacht, so sei das Fernsehen, laut einer Untersuchung der Medienanstalten, mit 36 % noch immer mächtiger als das Internet (22 %) oder die Tageszeitungen (21 %). Bei den 14- bis 29-Jährigen führe jedoch das Internet „bei Weitem“. Ein gewichtiges Argument für das Fernsehen als politischem Leitmedium bringt der Politikwissenschaftler Claus Leggewitz „Es ist weniger fragmentiert als das Internet und gibt den Zuschauern immer noch das Gefühl, bei etwas Wichtigem dabei zu sein.“ Dennoch sei zu beobachten, dass ARD und ZDF aktuell „unter Beschuss“ stehen würden wie nie und von vielen Seiten, am stärksten von der AfD, die die Abschaffung der Rundfunkgebühr fordere – damit also auch die Abschaffung von ARD und ZDF selbst.
Stefan Raue, neuer Intendant des Deutschlandradios analysiert im Artikel das Aufkommen des Unmuts und folgert, dass es sich hier nicht um etwas Vorübergehendes handele, sondern „ein heftiger Klimawechsel, der uns noch lange fordern wird“ bevorstünde und er fordert eine Reform der Anstalten „aus sich selbst heraus“.

Das Fernsehprogramm sähe nach großkoalitionärer Gemütlichkeit aus. Quizshow-Heiterkeit, Klinikserien-Pseudodramatik u.a. – hier fehle „vielleicht“ - so die Autoren - ein Programm, das die „Risse“ und die „Kluft“ die sich im Land auftue auch spüren lasse. „Das Unterhaltungsprogramm fordert niemanden.“ Das Programm sei ein „ewiges Immer-weiter-So“. Aber es gäbe auch Qualität wird kurz eingeschoben mit wenigen Beispielen.
Insgesamt aber würde von den acht Milliarden Euro Rundfunkgebühreneinnahmen jährlich „nur ein Bruchteil“ für Journalismus ausgegeben. Teuer seien Formate wie der „Tatort“ oder der „Polizeiruf 110“ oder auch Vorabendserien. (Anmerkung: Im Artikel findet sich auf der Seite 12 eine Infografik der ARD „Kostentreiber Unterhaltung“).
Der Grund, warum Unterhaltungssendungen einen so hohen Stellenwert bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hätten sei in der Gründungsphase zu suchen: „Die Unterhaltung macht die Hütte voll, um dann das eigentliche Kernprodukt an die Leute zu bringen: Nachrichten, politische Magazine, Politiktalkshows.“ Der beste Quotenbringer sei dabei aber immer der Fußball – mit dem Problem der ständig teurer werdenden Fernsehrechte.
Positiv erwähnt wird das Beispiel des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), der sich mit seiner neuen Intendantin Patricia Schlesinger auf den Weg mache den Sender zu „entstauben“. So würde der RBB künftig mit dem ZDF kooperieren, Kosten für Räume und Personal würden dadurch geteilt. Das sei, so die Autoren „eine kleine Revolution“. Insgesamt bleibe aber das Problem, dass „selbst kleine Sparanstrengungen“ bei den Sendern nur mit Hilfe von „großem politischen Druck“ erfolgen würden. Es fehle an Ideen „für einen neuen Gesellschaftsvertrag über das öffentlich-rechtliche Fernsehen“. Und dass der Zuschauer noch immer als unmündig angesehen werde durch die Sender, sei ein weiteres Grundproblem. Die Autoren plädieren mit etlichen Ideen für eine Reform des Rundfunks, für ein Ernstnehmen der Zuschauer, für ein „umwerben“ der Zuschauer – es bedeute vielleicht sogar künftig „weniger Geld von den Zuschauern zu nehmen – und eine Extra-Bezahlung von „frei gewählten“ besonderen Angeboten.

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Renner analysiert die Strukturreform und stellt fest: „Doppelstrukturen innerhalb der ARD werden abgebaut. Und wo immer möglich, soll mit dem ZDF und dem Deutschlandradio kooperiert werden.“ Aber bei der „Neufassung des gesellschaftlichen Auftrags der Öffentlich-Rechtlichen“ tue man sich schwer. Denn ein weiter so wie bisher – das könne man sich nicht mehr erlauben. Zur Publizistikdebatte hält er fest: „Digitaler Journalismus lässt sich in Deutschland nach wie vor nur dann refinanzieren, wenn er mit Gebührengeldern bezahlt wird.“ Er fordert eine grundsätzliche Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und seine Aufgaben ein – denn die bisher vorgelegten Vorschläge seien nur „Reförmchen“. Auftrag von ARD und ZDF: Die ehrliche Debatte fehlt

(frei zugänglich im Hamburger Abendblatt)


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