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Presseschau

„Deutschen Animations-Kinofilmen droht, zum Randereignis zu werden“

26. März 2012
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Im Gespräch mit Peter Dehn von Filmecho/Filmwoche spricht Jan Bonath, Vorsitzender der Produzentenallianz-Sektion Animation über die Wettbewerbsnachteile deutscher Animationsproduzenten auf dem internationalen und dem Heimatmarkt und die komplexe Situation deutscher Animationsproduzenten

Das Interview im Wortlaut:

Deutschland – offenes Lizenzland

Gespräch mit Jan Bonath über die Situation der deutschen Animationsbranche.

Im europäischen Vergleich, vor allem mit Frankreich, drohen deutsche Animations-Kinofilme zum Randereignis zu werden. Die Präsenz der deutschen Branche und ihrer Produkte beim Koproduktionsmarkt Cartoon Movie Anfang März war gering wie nie zuvor. Filmecho sprach mit dem Produzenten Jan Bonath (Scopas Medien, „Das Sandmännchen – Abenteuer im Traumland“) und Vorsitzender der Sektion Animation in der Produzentenallianz.

In Deutschland entstehen immer weniger Animationskinofilme, während mehr Life Action-Filme ins Kino kommen. Hat die Branche ihre Kreativität verloren?
Als deutsche Produzenten haben wir es mit einer komplexen Situation zu tun. Die Finanzierung von Film- und Fernsehproduktionen basiert wesentlich auf den klassischen Finanzierungsbausteinen – den Geldern der Sender, der Verleiher und der Förderungen. Wenn man sich anschaut, was der wesentliche Player, das Fernsehen, in Deutschland tut, dann kommen wir auf einen der Missstände.
Der deutsche Markt ist der offenste in Europa. Deutsche Produzenten bieten deutschen Sendern im Wettbewerb mit ausländischen Produzenten Ware an. Das betrifft Lizenzkauf, ebenso wie Koproduktionen mit Sendern. Auch ein französischer Produzent kann einem deutschen Sender eine Koproduktion oder Rechte anbieten. Wenn im Gegenzug ein deutscher Produzent einem französischen Sender eine Koproduktion vorschlägt, wird zuerst ein französischer Koproduzent gefordert. Wir haben also nicht die Wettbewerbsfähigkeit, wie französische Produzenten. Das ist auch in anderen europäischen Ländern so, übrigens auch in Kanada und Australien.

Das betrifft doch auch Life-Action- Filme … Wie stellt sich das für die Animationsbranche dar?
Bei Life Action schlägt das nicht so stark durch, weil der Bedarf des Fernsehens in Deutschland überwiegend durch erkennbar deutschen Content befriedigt wird. Auf vielen Sendeplätzen haben internationale Formate gar keinen Platz weil sie vom Publikum nicht angenommen werden. Bei der Animation braucht man deren Lokalkolorit aber überhaupt nicht.

Gibt es Unterschiede zwischen den Privaten und den Öffentlich-rechtlichen?
SuperRTL und Nickelodeon sind Abspielstationen von ausländischen Besitzern und haben eine hohe Quote des von den ausländischen Gesellschaftern gelieferten Programms zu senden. Da hat man viel Geld in die Hand genommen und will das durch Ausstrahlungen seiner anderswo hergestellten Filme und Serien in Deutschland refinanzieren. Die Proportionen zwischen lokalen Content und ausländischen bei den Privaten sind ebenfalls zu kritisieren. Dem ist, so fürchte ich, auf Grund des privatwirtschaftlichen Status dieser Sender noch schwerer beizukommen. Bei den Öffentlich-rechtlichen und ihrer Finanzierung aus Gebühren müsste es eigentlich eine andere Tendenz geben: Eine freiwillige Komponente, ein Anteil frei generierter deutscher Ware. Hier gibt es auf EU-Ebene sogar eine entsprechende Richtlinie, die in den Nachbarländern konsequent angewendet wurde, in Deutschland jedoch als Empfehlung interpretiert wird, an die sich keiner zu halten braucht. Fragt man die Sender, heißt es: So wie es ist, ist es gut für uns. Wir haben keine Motivation, das zu ändern. Auf kultureller Ebene wirkt sich das Problem aber so aus: Da werden lieber Palmenstrände gezeigt und exotische Protagonisten. Das hat nicht viel damit zu tun, was ein Kind in Deutschland im Alltag erlebt.

Unterm Strich: Die Gebührengelder für den Animationsbereich werden überwiegend im Ausland ausgegeben. Muss das sein?
Unsere letztes Jahr erschienene Studie stellt fest: Von den Erstausstrahlungen beim Ki.Ka sind gerade mal 9,8 Prozent (inklusive der Wiederholungen 18,2 Prozent) deutschen Ursprungs. Alles andere ist zugekaufte Lizenzware oder direkte Senderbeteiligung.

Was hat das mit den Kino-Animationen zu tun?
Das Fernsehen ist ja auch die Grundlage für die Kinofilm-Finanzierung. Daher stelle ich das heraus. Ein auf einer Fernsehserie basierender Kinofilm hat ein höheres Potenzial in der Auswertung. Wenn der Stoff schon bekannt ist, muss die Vermarktungsmaschine im Bereich Kino weniger in die Markenbildung investieren. Das beschleunigt die Refinanzierung. Im anderen Fall ist es oft so, dass Marketing und Werbung für unbekannte Stoffe teurer sind als das Herstellungsbudget.

Können die deutschen Produzenten im Marketing-Rennen überhaupt mit den US-Majors mithalten?
Das kann man so nicht sagen. Wenn ein amerikanischer Major einen Stoff wie „Ich, einfach unverbesserlich“ in den Markt drückt, den überhaupt niemand kennt und dessen Titel nahezu unaussprechbar ist, tun sie das mit unglaublich viel Marketinggeld. Der Marketingdruck hat sich dort gelohnt. Dafür stehen den Majors die Rechte weltweit zu Verfügung. Sie können mit einer Mischkalkulation das Risiko nach unten fahren.
Ein deutsches Projekt mit deutschen Inhalten hat eher geringe Potenziale für den Weltvertrieb und die Refinanzierung ist fast komplett auf Deutschland abgestellt. Dafür sind die Marketinggelder nicht so hoch, aber sie müssen zurückverdient werden. Deutsche Projekte sind also mit dem Marketingdruck, den sie entfalten können, schlechter ausgestattet als amerikanische. Wenn der Wettbewerbsnachteil im TV dazu kommt – dann hat das auch Auswirkungen auf die Kinoproduktion.
Die deutsche Animationsindustrie macht etwa drei bis vier Filme im Jahr. Dass nicht mehr möglich ist, liegt nicht an fehlenden Kapazitäten. Die wirtschaftliche Grundlage dafür fehlt. Die Beteiligung der Sender ist oft notwendig, um ein Thema überhaupt markttauglich zu machen.

Wir haben aber bei den Förderungen die Kopplung an die Koproduktion?
Nehmen wir „Der kleine Prinz“, eine von einem französischen Produzenten hergestellte hochwertige Animationsserie – Weltliteratur. Die hat der WDR gekauft. Kein einziger deutscher Produzent war beteiligt. Es soll auch einen Kinofilm geben. Die französischen Produzenten holen sich für die Serie Geld direkt vom deutschen Sender. Deutsche Fördergelder wären sogar eine Behinderung. Dann dürfte der Sender die Rechte nur für fünf oder sieben Jahre erwerben. Er will sie aber unbegrenzt. Daher stellt sich die Frage nach den deutschen Förderungen überhaupt nicht.

Wie spiegelt sich die Situation der deutschen Branche bei Cartoon Movie wider?
Was Animation angeht ist Deutschland Wüste. Da wachsen Kakteen – und ab und zu gibt’s mal ne Blüte. Wenn wir das mit Frankreich vergleichen – da vergleichen wir die Sahara mit dem Amazonas-Urwald. In Deutschland wirken zwei Komponenten: Das Kinderprogramm steht unter Preisdruck und Deutschland ist im Gegensatz zu allen anderen ein offener Markt. Das sind schlechte Bedingungen für einen Businesscase, der für Animationsproduzenten interessant ist.
Cartoon Movie wird überwiegend von französischen Produzenten besucht. Wenn ich einen französischen Koproduzenten suche, gehe ich dorthin. Weil die meisten andere Lösungen suchen, gibt es kaum einen Grund für deutsche Produzenten, nach Lyon zu kommen. Ich treffe die für mich wichtigen Leute auf der MIP in Cannes oder beim Trickfilm Festival in Stuttgart, das hat einen besseren Mix.
Peter Dehn

Aus: Filmecho/Filmwoche Nr. 12 vom 23.3.2012, S. 34/35 / Wiedergabe mit freundlicher  des Verlags Horst Axtmann GmbH

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